Reportagen

Die Rückkehr der Jäger

FRIDO HÜTTER

Im tansanischen Selous, einem der größten Naturreservate Afrikas, harmonieren Ökotouristen und Waidmänner.

Keiner hatte ihn kommen hören. Aber eben, als die Rübensuppe abserviert wird, schimmern plötzlich zwei riesige Stoßzähne aus dem Dunkel. Ein Elefantenbulle steht da, knapp zwanzig Meter von unserem Tisch entfernt. Einige Minuten lang verhofft er im Angesicht der sehr still gewordenen Menschen; dann kehrt er, ohne jegliches Geräusch, in den Mahakamia-Busch zurück. Später in der Nacht, wenn alle Reißverschlüsse zu sind und vor den Zelten nur noch Petroleumfunzeln flackern, werden Hyänen durchs Lager streichen und schnaubende Flusspferde weiden, werden rätselhafte Stimmen und Geräusche hörbar. Dann erst begreift man langsam, dass man wirklich in der Wildnis ist. Und dass hier nicht Tiere ins Terrain der Menschen eindringen sondern, dass es sich umgekehrt verhält.

Wir sind im Rufiji River Camp im Selous Reservat in Tansania. Karl Jähn, ein aus der damaligen DDR emigrierter Ingenieur, hat es  1973 an den Gestaden des Flusses errichtet. Es war das erst zweite von nunmehr sieben Camps. Mit 20 Doppelbettzelten ist das Rufiji River das größte. Es ist komfortabel und kommt ohne den lächerlichen Luxus manch anderer  Lodges aus. Afrika für Fortgeschrittene. Jetzt managen der Mitbesitzer Luigi Bisognin, Jähns Sohn Brian und dessen Frau Maria das Lager. Brian zog es nach dem Studium in Kingston an den Ort seiner Kindheit zurück, Maria gab einen Job bei der Londoner Metropolitan Police auf.

Das Selous Game Reserve, das älteste (1896) und größte (fast 50.000 Quadratkilometer) Schutzgebiet Afrikas, ist in vieler Hinsicht anders als die berühmtere Serengeti. Das lässt sich ersteinmal in Zahlen ausdrücken: Rund 300.000 Besucher strömen jährlich in den vom deutschen Zoologen Bernhard Grzimek unsterblich gemachten Nationalpark im Norden. In den Selous, dreimal so groß wie die Serengeti, kommen gerade 5000 Gäste im Jahr. Und während die Weiten der Serengeti sozusagen Afrika in Cinemascope darstellen, ist der Selous mit seinen Miombewäldern, Borassus-Palmen, Lichtungen und Lagunen ein viel intimeres Gelände. Für Besucher, deren Fantasie stärker ist als das Fernglas. Dichter Sumpfbusch wechselt mit Regionen, die an englische Parks erinnern, aride Flächen mit lauschigen Weihern voller Wasserhyazinthen, wilder Jasmin duftet. Der betongewohnte Mitteleuropäer findet sich unversehens in landschaftlichen Paradies-Metaphern wieder. 1982 hat die UNESCO das Gebiet berechtigterweise zum Weltkulturerbe erklärt.

Der Reisende ist hier auch nicht auf Allradgefährte beschränkt. In Begleitung bewaffneter Ranger kann man das Gelände zu Fuß erkunden, die Mäander und Nebenarme des Rufiji mit dem Boot befahren. „Es ist nicht die sichtbare Anzahl der Tiere“, beschreibt Brian Jähn das Wesen des Reservats, „es ist die Gegenwart der Wildnis.“ Unüberseh- und hörbar wird sie anhand der Flusspferde: Mit rund 40.000 Stück ist das  Rufiji-Biotop an der Obergrenze der Belastbarkeit angelangt; ihre sonoren Töne sind allgegenwärtig. Tausende Krokodile, Tigerfische und kapitale Welse sind weitere Bewohner des Flusses.

Etwa 60.000 Elefanten wandern neben 120.000 Büffeln durchs Gelände, geschätzte 4000 Löwen gibt es, ebenso viele Leoparden, 1300 der überaus raren Wildhunde, Antilopen und Giraffen sonder Zahl. Dazu 440 Vogelarten. Dennoch wird einem hier nichts vorgeführt; wer Tiere sehen will, muss pirschen. Und so folgen wir in der Abenddämmerung ein paar Löwenkindern durchs Gebüsch.  Sie sind zu jung, um schon allein zu jagen und führen uns zum Rudel. Siebzehn sind es, die da mit offenkundig vollen Bäuchen unter einer Schirmakazie liegen. Als einer der Junioren Losung fallen lässt, stürzt sich eine Hand voll Geier darauf. – Wer im Selous überleben will, darf eben nicht heikel sein.

Tansania, einst Beuteregion für Sklaven, Elfenbein und Ebenholz, politische Zerrpuppe der Kolonisten aus Deutschland und Großbritannien, dann politisches Versuchslabor des katholischen Kommunisten Julius Nyerere und dessen (gescheiterten) Ujaama-Kommunen, zählt immer noch zu den 25 ärmsten Ländern der Welt. Ethnische und religiöse Konflikte gibt es so gut wie keine, obwohl sich je ein Drittel der Bürger zu  Christentum, Islam und zu animistischen Religionen bekennen. Zwar führte die Landreform vor drei Jahren zu einigen Unruhen, und die Sezessionstendenzen Sansibars sorgen regelmäßig für innenpolitischen Zwist. Aber in Summe leben die 36 Millionen Tansanier in – für afrikanische Verhältnisse – demokratischem Umfeld. Trotz massiver HIV-Durchseuchung (2001 gab es offiziell 1,5 Millionen Infizierte) und einer durchschnittlichen Lebenserwartung von nur 44 Jahren, beträgt der jährliche Bevölkerungszuwachs immer noch 1,7 Prozent.

Die Regierung des Präsidenten Benjamin William Mkapa setzt auf Deregulierung. Die Inflationsrate wurde von ehemals 30 auf nunmehr vier Prozent gedrückt. Das hat seinen Preis: So ist das bis vor kurzem kostenlose Bildungssystem nun weitgehend vergebührt; für Menschen aus der ländlichen Naturalienwirtschaft ein Zugangshindernis. Das tansanische Pro-Kopf-Einkommen liegt bei 270 Dollar im Jahr.

Trotzdem oder vielleicht deshalb stehen 240.000 Quadratkilometer Tansanias unter Naturschutz. Ein Viertel des Landesfläche und somit der höchste Anteil, den es weltweit gibt. Der Selous ist ein besonders drastisches Beispiel pragmatischen Wildlife-Managements. Nur 6000 Quadratkilometer nördlich des Rufiji sind den Ökotouristen zugänglich. Da selten mehr als hundert gleichzeitig vor Ort sind, herrscht kein Gedränge. Der südliche Teil, größer als die Schweiz, ist Jägern vorbehalten. Rund zwei Dutzend Lizenznehmer führen pro Jahr etwa 400 betuchte Nimrode auf Löwe, Elefant, Büffel & Co. Keine feste Lodge verunziert die Wildnis, es gibt nur mobile Zeltlager, Hemingway lässt grüßen. Die Zahl der Abschüsse ist strikt limitiert. Der finanzielle Einsatz entsprechend hoch. Mit bis zu 1500 Dollar pro Tag muss ein Waidmann rechnen, der sich durch das Angebot schießen will. Mindestaufenthalte von zwei bis drei Wochen sind erforderlich. Auf diese Art werden 80 Prozent des gesamten Selous-Profites von mehr als drei Millionen Dollar erwirtschaftet.

Die kontrollierte Jagd erfüllt noch einen anderen, vielleicht wichtigeren Zweck: Nachdem  sie 1973 aus sozialistischem Idealismus verboten worden war, explodierte die Wilderei. Mehr als dreiviertel der ehemals 100.000 Elefanten wurden abgeschlachtet, von den rund 3000 Spitzmaulnashörnern überlebten bloß ein paar Dutzend. Ende der Achtzigerjahre begann man umzudenken: Mit Hilfe der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit – August Bebel erfuhr somit späte Genugtuung –  wurde ein neuer Masterplan erstellt. Zum einen reduzierte die nun erlaubte Rückkehr der Luxusjäger die Wilderei im Reservat auf ein Minimum. Ihre Präsenz schreckt ab. Weiters wurden die Bewohner der Pufferzonen außerhalb des Schutzgebietes an den Einnahmen beteiligt und dürfen außerdem für den Eigenbedarf jagen. Dennoch zahlt die Bevölkerung rund um den Selous bis heute einen hohen Blutzoll für den Erhalt der Natur: Rund drei Dutzend Bauern werden laut lokalen Angaben jährlich allein von Löwen getötet, die den Menschen in ihr Beuteschema aufgenommen haben. „Die Ranger jagen diese Menschfresser meist vergeblich“, sagt Brian Jähn und fügt in Anspielung auf den Kinofilm „Der Geist und die Dunkelheit“ hinzu: „Vielleicht bräuchten wir Michael Douglas und Val Kilmer hier.“

Manchmal dringen Folgen der Jagd auch bis ins Reich der Ökotouristen vor: Im August vorigen Jahres wurde der Driver-Guide Omari im offenen Land Rover von einem Elefantenbullen attackiert. Zwei Stunden lang hielt er ihn mit dem Rüssel am Überrollbügel fest. „Vermutlich war er jenseits des Flusses einmal von Jägern verletzt worden und betrachtet seither Wagen wie diese als Feindbild“, meint Omari. Entkommen ist er schließlich mit einem kühnen Trick: Er entzündete einen Stofffetzen und schlug damit den grimmigen Giganten in die Flucht. „Als er heimkam, war er noch kreidebleich“, erinnert sich Luigi Bisognin heute lachend. – Wenn das Michael Jackson erfährt!

 

Informationen: Selous Conservation Programme www.wildlife-programme.gtz.de/wildlife. Botschaft von Tansania. Eschenalle 11, 14050 Berlin, Deutschland info@tanzania-gov.de . Der beste Führer, „Selous Game Reserve“ von R.D. Baldus und L. Siege kann unter siege@africaonline.co.tz bestellt werden.