Frido unterwegs

Warum ich mit Wespen ganz gut auskomme und wie ich als Leihmutter kläglich gescheitert bin.

 

Immer wieder lese ich in diesen Tagen von der sogenannten Wespenplage. Was bitte ist das? Da ich das Privileg genieße, im Grünen zu wohnen, sind mir die kleinen Brummer wohlvertraut. Ich registriere auch ihr derzeit vermehrtes Auftreten. Aber wir kommen recht gut miteinander aus. Hier sollte ich erwähnen, dass ich mit etwas Umsicht da- rauf verzichte, mich auf sie zu setzen oder sie zu verschlucken. Denn dann, in ihrer Not, wehren  sich die Tierchen. Und anders als die biederen Bienen, deren Stich ihren Selbstmord bedeutet, sind Wespen wehrhafte Wesen mit mehrfach einsetzbarer Stachel- waffe. Gegen mich haben sie diese seit Jahren nicht gerichtet. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich mich in strenger Fuchtel- askese übe und nur ganz lästige Exemplare mit einem Zeitungs- klaps verscheuche.

Ich mag nicht alle Plagegeister: Weder für die Anophelesmücke (Malaria) noch für die Tsetse- fliege (Schlafkrankheit) hege ich amikale Gefühle. Wirklich gern habe ich die Spin- nen. Schon in meinem ländlichen Jugendzimmer genossen sie strengen Schutz vor dem allge- genwärtigen Besen meiner Mut- ter. Ich drohte, sie zu enterben, sollte sie einem der nützlichen Achtfüßler etwas zuleide tun. Ein ultimativer Freundschaftsbe- weis misslang aber. Einst diagnos- tizierte ein Arzt einen Spinnenbiss an meinem Unterarm. Ob dabei auch Eier abgelegt worden seien, könne er nicht sagen. Möglicher- weise sei das bloß ein dummes Gerücht. Ich war entzückt von dem Gedanken, ein paar kleine Spinnlein in die Welt zu setzen, verzichtete auf jegliche Behand- lung und beobachtete erwartungs- voll die wachsende Schwellung. Nach ein paar Tagen ließ sie aber enttäuschenderweise nach und verheilte. Als Leihmutter bin ich kläglich gescheitert.


Frido unterwegs

Warum man auf Reisen Busse und Bahn meiden sollte und dafür Elchen, Salamandern und Waranen begegnet. 

 

Ich muss so um die zwölf gewe- sen sein. Der allseits gefürchtete Mathematikprofessor Josef Z. hatte mich in seinem Auto Richtung Heimat mitgenommen. In einem Waldstück sahen wir einen Feuersalamander, der sich vor uns über die Straße quälte. Z. bremste, blieb stehen und sagte: „Bua, trag ihn rüber in den Wald!“ Ich tat freudig, wie mir geheißen. Daraus erwuchs mir zweierlei Erkenntnis: Erstens, dass in dem gestrengen Professor Z. der sensible Mensch Josef steckte. Und zweitens, dass der wahre Zauber privater Mobilität darin besteht, jederzeit anhalten zu können.

Deshalb habe ich dann später auf Reisen öffentliche Verkehrs- mittel, die einen ja ohnedies nur von A nach B bringen, stets ge- mieden und wurde ein froher An- halter. Mit dem Motorrad in Sri Lanka unterwegs, legte ich auf einer Brücke einen Stopp ein. Und erblickte unten im Bach einen Wa- ran. Den ersten und bisher letzten. Im indischen Kerala hielten wir an, um den Anblick eines rie- sigen Kragenbären zu würdigen.

Die lehrreichste Anhaltestory kann ich aus Norwegen berich- ten. Meine Frau und ich reisten mit unserem Freund Franz durchs Land. Gleich am ersten Tag, wenige Kilometer nördlich von Oslo, sah ich aus dem Seiten- fenster kurz ein großes braunes Tier in der Wiese. Dann verstellte ein Bauernhof die Sicht. Anhalten konnte ich erst einige Hundert

Meter weiter. Elch oder Pferd? Ich schlug vor, zurückzugehen und zu prüfen. Freund Franz, der Jacques Monods damals mondä- nen Essay „Zufall und Notwen- digkeit“ las, meinte, wenn es ein Pferd sei, wäre er umsonst zu- rückgegangen, und wenn wir schon jetzt den ersten Elch sähen, würden uns in den kommenden Wochen noch viele begegnen. Wir aber gingen und sahen einen Elch. – Den ersten und auch letzten der Reise. Sorry, Franz.


Rettet die Welt! Oder wenigstens die Wale

Ein Brief an die Maturanten. Den vielleicht mancher

nicht so gerne lesen wird. Aber das Beste kommt zum Schluss.

 

FRIDO HÜTTER

 

Liebe Maturantinnen und Maturanten. Ihr, die ihr alles noch vor euch habt, fürchtet euch nicht! Es wird schon klappen, den Maturaball habt ihr ja auch geschafft.  Und ihr, die ihr bereits erfolgreich maturiert habt, lasst euch sagen, ihr seid noch gar nix. Ihr wisst ein bisschen was und könnt in der Regel wenig. Ihr könnt keine Semmel backen, keinen Kurzschluss reparieren, kein Baby wickeln. Das liegt im Wesen dieser merkwürdigen, lebensbestimmenden Prüfung: Einerseits bedeutet sie enorm viel, andererseits befähigt sie zu sehr wenig. – Falls es mir jetzt schon gelungen ist euch zu frustrieren, lest ruhig weiter, es kommt noch dicker. Und erst gegen Schluss werdet ihr hier gelobt, aber auch das einigermaßen heftig. 

Ich weiß, wovon ich rede, ich habe eine schulische Knochenmühle überstanden: Insgesamt 46 Schüler gingen über die acht Jahre durch meine Klasse: Am Ende durften gezählte fünf zur Juni-Matura antreten, im Herbst kamen sechs weitere hinzu. Weil ich bis heute nicht glaube, dass unter all meinen Kollegen 35 minderbemittelt waren, bleibe ich bei der Behauptung, dass unser Lehrpersonal größtenteils schauerlich gepfuscht hat.

(Geschlagen übrigens auch und das sehr professionell).

Also Punkt eins: Seid dankbar!! Ihr habt allen Grund dazu. Seid jenen Lehrern dankbar, die sich weit über ihre formale Verpflichtung hinaus um euer Fortkommen bemüht haben, die euren pubertären Faxen mit motivierender Ermutigung begegnet sind. Von denen gibt es sehr viele, sie sind, anders als zu meiner Zeit längst in der Überzahl.

Seid euren Eltern dankbar, die Bildung offenbar als Wert erkannt haben, die euch nach schlechten Noten getröstet und euch womöglich am vorzeitigen Schulabbruch gehindert haben. Und seid dankbar dafür, dass sie ab und zu mit einem beherzten Griff in ihre oft schmale Geldbörse halfen, den textilen Markenterror zu mildern, dem Heranwachsende, wohl auch ihr, heutzutage ausgesetzt sind.

Seid den Steuerzahlern dankbar, darunter auch manchem kinderlosen Mittelständler, dessen Gehaltsabzug auch dazu beiträgt, dass Österreich ein faktisch kostenneutrales Schulsystem hat. Ein System, das auch jenen unter euch den Weg zur Matura ebnete, deren Eltern sich kein persönliches Schulgeld hätten leisten können. Und halbwegs sicher herumkutschiert haben wir euch auch: Mit Öffis oder Schulbussen. Laut nationalem Bildungsbericht hat jeder von euch die Öffentlichkeit bis zur Matura 85.000 Euro gekostet, damit zählt ihr zu den teuersten eurer Art in Europa. Daran habt ihr sehr wenig Schuld, aber dankbar könnt ihr allemal sein.

Also reißt euch zusammen. Macht etwas aus diesem Geschenk! Lasst es nicht verkommen!  Die Matura hat ja eigentlich einen falschen Namen: Reifeprüfung. Mein Gott, wenn ihr schon reif wärt, fielet ihr alsbald vom Stamm und Fäulnis würde folgen. Nein, ihr seid nicht reif, ihr steht in voller Blüte. Genährt aus den oben genannten Quellen, bestäubt mit allerlei Wissen und vielleicht auch mit der Ahnung, wohin es euch zieht. Die bestandene Matura ist eine sperrangelweit offene Tür zur Weiterbildung.

Etwas Bestimmtes tun zu wollen, ist bereits die Vorstufe zur Tat. Hört euch um, hört in euch hinein, findet heraus, wofür ihr echte Leidenschaft entwickeln könntet. Denn jenseits von Image, Gehalt, Status etc., die ein Beruf mit sich bringt, ist Leidenschaft der wichtigste Garant, dass ihr euer Lebtag auch gerne arbeitet. Dass ihr euer Schaffen nicht als lästigen Job empfindet sondern als unendliches  Feld immer neuer Möglichkeiten und Wunder, die ihr selbst eröffnet.

Das ist umso wichtiger, da ihr in eine Generation geraten seid, welcher der Arbeitsmarkt nicht so freundlich und stürmisch entgegenkommt wie mir zu meiner Zeit. Ihr müsst euch auf eine Atmosphäre gefasst machen, in der die ständige Botschaft jederzeit ersetzbar zu sein, wie Giftgas zischt. Wappnet euch mit dem Wissen, dass ihr zumindest für euer Ziel unersetzlich seid. Arbeit und Leben lassen sich nicht trennen, sie müssen einander ergänzen.

Lasst euch von fallweisen Rückschlägen nicht entmutigen: Die Rolling Stones waren zum ersten Höhepunkt ihrer Karriere pleite, Frank Stronach vor zwanzig Jahren beinahe ebenso. Das Erfolgsbuch „Schlafes Bruder“ war von elf Verlagen abgelehnt worden, ehe es Reclam und seinem Autor Robert Schneider einen Riesenerfolg bescherte. Und der Schokolade-Magier Josef Zotter musste erst als Cafetier scheitern, um seine wahre Bestimmung zu erkennen. Nehmt daher jede Niederlage zur Kenntnis, lernt daraus und nehmt die Chance auf den Neubeginn mit Freuden wahr. 

Vergesst nicht: Ihr habt die Matura geschafft. Und das gelingt ja nicht mit willigen Steuerzahlern, verlässlichen Eltern und guten Lehrern allein. Das Zeugnis ist weder eine Trophäe noch ein Glückslos. Es ist der finale Ausweis einer starken Leistung. Ihr habt viel dafür getan. Allein in den Schulen habt ihr rund 15.000 Arbeitsstunden absolviert und dabei Unmengen an Daten und Fakten gesammelt. Vermutlich seid ihr dabei auch durch etliche Müllwinkel reformbedürftiger Lehrpläne getrieben worden, habt nachhaltig unnützes Wissen angesammelt. Ihr habt, dank mieser Bildungspolitik in diesem Land kumulierte Arbeitsmengen überstanden, die kein Manager akzeptieren würde.

Statt ein kreatives und einigermaßen entspanntes Campus-System ganztags genießen zu können, wurden die meisten von euch im Morgengrauen aus dem Haus gejagt und kurz nach Mittag von der Schule wieder ausgespuckt. Viele von euch waren beim Lernen zuhause allein mit ihren Problemen, weil in Österreich immer noch ein paar geistige  Holzköpfe von der Halbtagsgesellschaft fantasieren. Euren Kindern wird es da möglichweise besser gehen. Und ihr habt nun in einem Monat sieben schwere Prüfungen absolviert, an deren Ende die Matura steht. Das ist schon was.

Also: Träumt  kühn! Denkt wild! Fangt gleich einmal beim Undenkbaren an. Schraubt am scheinbar Unmöglichen herum. Seid unangepasst, lasst euch Verrückte nennen, wenn ihr von eurer Sache überzeugt seid. Lasst euch von Zynikern nicht verzagt und von Kleingeistern nicht mürbe machen. Wer stets das Ergebnis im Sinn hat, traut sich oft gar nicht anzufangen. Hätten Bill Gates oder Steve Jobs sich nur an Lehrbuchregeln und vertraute Prognosen gehalten, döste die Welt heute noch in der digitalen Steinzeit. Erfunden wurde der Computer ja schon 1941, wirklich weitergeträumt haben ihn die beiden und ein paar andere.

Fliegt zum Mars, stoppt den Welthunger, findet eine Lösung für die Pflege von uns Alten.

Rettet die Welt oder wenigstens die Wale. Aber traut euch etwas.

P.S. Herzlichen Glückwunsch zur bestandenen Matura.

Macht etwas aus eurer Macht!

Aus gegebenem Anlass: Eine Ermunterung an die Politiker, den Zweck ihrer Arbeit zu hinterfragen, sich nicht zu überfordern, viel zu reisen und ihre ihnen geliehene Macht radikaler auszuüben.

FRIDO HÜTTER

Geehrte Damen und Herren, die Sie ein politisches Mandat anstreben. Zumindest bis heute Mittag erleben Sie zweifellos die stillsten und freiesten Momente der letzten Monate. Die Wahl ist im Gange,  die Republik hält den Atem an und Sie können sich kurz entspannen. Ich nütze diese kostbare Zeitlücke, um ein paar Wünsche, Vorschläge und Empfehlungen an Sie zu richten. Sie betreffen Ihre Arbeit im Parlament und in der Regierung.

Als erstes  bitte ich Sie einen unsäglichen (Journalisten?)-Satz zu widerlegen: Nach der Wahl ist vor der Wahl. Gemeint ist damit, dass man sich – kaum gekürt – gleich wieder auf die Jagd nach Publikumsmehrheiten begibt, dass man Partei-Interessen vor politische  Sacharbeit stellt. Ich weiß schon, die majorative Demokratie ist ein Hund, weil die Macht von der Mehrheit kommt aber die Mehrheit nicht immer rechthaben muss.  

Überlegen wir uns einmal in Ruhe, was Ihre eigentlichen Aufgaben sind. Ich betrachte Sie als Vorstände bzw. Aufsichtsrat der Firma Österreich. Damit stellen sich Ihnen Aufgaben, die so klar und eindeutig sind, dass sie jeden ideologischen Unterschied bei weitem überwiegen. Und Sie wissen das auch. Wie sonst käme es, dass etwa 42 Prozent aller parlamentarischen Beschlüsse von allen Parteien getragen wurden. Sie sind also weit vernünftiger, als Sie uns weismachen wollen.

Seit die einst tiefen Gräben weltanschaulicher Natur überwunden sind, können Sie ja mit vereinten Kräften regieren. Sie sollten zum  Beispiel alles daran setzen,  um das wichtigste aber seit Jahren veruntreute Nationalkapital wieder aufzustocken: Die Bildung. Bitte hören Sie auf die Experten und nicht nur auf die Gewerkschaft, folgen Sie international erprobten Beispielen statt verrosteten Parteilinien. Spitzenleistungen aller Art sind die einzige Chance, dieses lebenswerte kleine Ländchen auch in Zukunft überleben zu lassen. Österreich stellt etwa 0,1 Prozent der Weltbevölkerung.  Demografisch gesehen sind wir eine Mikrobe, mit irgend einer Form von Quantität können wir nicht punkten, nur mit Exzellenz.

Schützen Sie uns in internationaler Zusammenarbeit vor Gangstern und Bankstern aller Art. Sorgen Sie dafür, dass sich auch kleine Vermögen bald wieder vermehren können und sei es nur durch akzeptable Sparbuchzinsen. Fördern Sie radikal erneuerbare Energien statt opportunistisch an den Riesenprofiten der OMV mit zu naschen. Treten Sie gegen die Lüge der ethnischen Nation an, es gibt Sie nicht mehr und wird sie nie mehr geben. Integration heißt die Devise, mit empathischer Zuwendung aber auch ohne falsche Toleranz.

Sorgen Sie endlich für einen Nichtraucherschutz, der einem zivilisierten Land entspricht. Hören Sie damit auf, den ORF mit idiotischen Strukturdebatten zu quälen, sorgen Sie lieber für dessen Möglichkeit und Pflicht, ein kreatives  Programm zu entwickeln. Nach den Regeln des Fernsehens sind Ingrid Turnher oder David Schalko weit wichtiger als jeder Wrabetz oder Grasl. Setzen Sie endlich eine Verwaltungsreform gegen die teure Selbstverzwergung Österreichs  durch, statt bei Bildung und Forschung zu knausern.

Sie haben die Macht dazu, wir haben Sie Ihnen auf die nächsten fünf Jahre geliehen. Also üben Sie sie gefälligst aus!

Auch empfehle ich einige Verhaltensänderungen. Zum Beispiel sprachlicher Natur. Sagen Sie nicht mehr „die Menschen draußen im Lande“. Wir sind alle drinnen und Sie auch. Sagen Sie auch nichts mehr „mit aller Deutlichkeit“, die erwarten wir sowieso.

Sprechen Sie unbequeme Wahrheiten aus, wenn es nötig ist. Treffen Sie auch unpopuläre Maßnahmen, wenn diese nachhaltigen Nutzen versprechen. Das wird Ihnen  vielleicht keinen Dank an der Wahlurne einbringen aber auf lange Sicht den Ruf, zur rechten Zeit das Richtige getan zu haben. Der britische Premierminister Winston Churchill hatte mit seiner Ankündigung von „Blut, Schweiß und Tränen“ die größte Zustimmung seiner politischen Karriere errungen.

Bitte hören Sie damit auf, bei Fragen nach Ihren Urlaubszielen „Waldviertel“ oder etwas kühnen „Südtirol“ zu piepsen. Dort lernen Sie wenig bis nichts! Reisen Sie möglichst viel und weit, man muss die Wirtschaftsräume Asiens selbst gesehen haben, um die ökonomische Wucht zu begreifen, die dort aus Masse und Motivation entsteht.

Befreien Sie sich von der lächerlichen Entprivilegisierung Ihres Standes. Vor allem Jörg Haider, mittlerweile als politischer Raubritter aktenkundig, hat sie betrieben und Sie haben sich treiben lassen.  Im guten Fall sind sie Spitzenmanager also benehmen Sie sich auch so. Verlangen Sie eine angemessene Entlohnung und lassen Sie ihre Dienstwägen auf Taxispuren fahren. Fliegen Sie Business Class und nehmen Sie meinetwegen auch einmal einen Hubschrauber, wenn Sie dienstlich fast gleichzeitig an zwei Orten sein müssen. Überfordern Sie sich nicht ständig, der weltpolitisch höchst effiziente US-Präsident Ronald Reagan machte, wann immer möglich gegen 17 Uhr Feierabend.  Sie müssen nicht bei jedem Sauaustreiben dabei sein, Bürgernähe drückt sich durch bürgerfreundliche Maßnahmen viel besser aus.

Und schlussendlich: Nehmen sie uns Medien ernst, aber nicht immer so wichtig.

Wir quengeln bereits ungeduldig, wenn ein Politiker einmal eine Nachdenkpause pflegt.  Wenn die Koalitionspartner diskutieren nennen wir es Polit-Hickhack. Sind sie sich einmal einig, diagnostizieren wir flugs einen Kuschelkurs. Also tun Sie einfach das Richtige und verzichten Sie auf stetigen Szenenapplaus.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen für alle Beteiligten erfreulichen Wahlausgang. Machen Sie sich danach bitte umgehend an die Arbeit für die Republik Österreich.

Es reicht, wenn Sie mit dem nächsten Wahlkampf  Mitte 2018 beginnen.

Vom Angstschweiß im Hasenstall

FRIDO HÜTTER

 

Vergesst das tägliche EU-Gezeter. Her mit dem Europa der Lust.

 

Es gibt da  ein Hüttenspiel, bei dem sich die Zuseher eindeutig mehr amüsieren als die Spieler. Und das geht so: Zwei Leuten werden die Augen blickdicht verbunden. Sie werden an einen großen Tisch geführt, der rundum zugänglich ist. Nun sagt der Spielleiter: „Du bist der Hase“, und legt beiden Kandidaten eine Hand auf die Schulter.

„Und du bist der Jäger“ heißt es danach, ohne das einer der beiden berührt wird.

Was folgt ist leicht zu verstehen: Beide tasten sich vorsichtig um den Tisch, stets auf der Hut, vom jeweils anderen berührt bzw. gefangen zu werden. Kommen sie sich doch zu nahe, stieben sie sofort auseinander.  – Das kann eine ganze Weile so gehen und ist, wenn man ein wenig Schadenfreude vorrätig hat, köstlich anzusehen.

Rund um den großen Tisch Europa scheint es augenblicklich nur Hasen zu geben. Gejagt von der Angst vor Berührung oder – gottbehüte – Umarmung. Und wem das eigene Land nicht klein genug ist, separiert sich halt national gleich noch einmal. Es ist eine böse Lachnummer, dass die so genannte Europäische Union ihren Hauptsitz in Belgien hat, einem Ländchen das sich mit Biegen und Brechen auf zwei Hälftchen verzwergen will. Und das im Europa des Jahres 2011 vorführt, wie zwischen niederländisch und französisch geprägter Lebensart tiefe Schluchten der Entsöhnung gegraben werden können.

Früher hätte man halt einen flotten, kleinen Sezessionskrieg angezettelt, heute geht das leider nicht mehr so einfach.

Wer die realen Zollschranken noch in Erinnerung hat wird sich auch noch  jener Duftmischung aus Kupplungsabrieb und Angstschweiß entsinnen, die um Tarvis, Walserberg und Spielfeld lagerten. An die uniformierten Spürmenschen, deren bloßer Anblick einen schuldig werden ließ, die nach illegal Mitgebrachten, nach inkriminierten Gütern wie Lederjacken, Schallplatten oder Weinflaschen forschten. Oder an die halbwegs grüne Grenze zu Jugoslawien, an der der südsteirische Buschenschankgast hüben sein Glas Welschriesling trank, dieweil drüben, keine zwanzig Meter entfernt, die Volksarmisten mit Schäferhund und Kalaschnikow Streife gingen.

Ganz zu schweigen von den martialischen Gittergrenzen hin nach Osten, bei deren Überquerung man sich stets wie ein Spion, der in die Kälte will fühlte, die man stets mit der unterbewussten Ahnung überquerte, aus dem kurzen Ausflug zum Salamikauf könnte ein längerer Aufenthalt in Sibirien werden.

All das ist untergegangen worden. Von mutigen Bürgern, für die eine Demo kein Wochenendvergnügen sondern eine existenz- bzw. lebensgefährdende Unternehmung bedeutete. Von Menschen, auf deren geduldigen Rücken fast ein Jahrhundert lang die absurdesten Wirtschaftsmodelle und bizarrsten Herrschaftsformen ausgetestet wurden. Damals haben wir ihnen über Drahtverhau und Minengürtel zugewinkt und Versprechen zugeflötet, wir Sirenen der freien Welt. Sie haben uns gehört, erhört, und jetzt kommen sie auf einmal selbst daher, das kann und darf nicht sein.

Der neue Europäer müsste eigentlich ständig jubeln. Darüber, dass er von den Fjorden der Lofoten bis zu den Orangenhainen Siziliens, von den Graten der Pyrenäen bis in die masurischen Sümpfe Wegfreiheit genießt. Dass er mit Esten, Letten, Litauern, Polen etc. regelrechte Tigernationen in der Familie hat. Dass globale Leitkulturen, etwa die französische oder die britische, ganz nahe und frei zugänglich sind. Dass das ewige Sehnsuchtsland Italien auch von einem gewissenlosen Bonvianten noch nicht ganz zerstört werden konnte. Und auch darüber, dass es weltweit wenige Regionen gibt, in denen so vielen Menschen so lebenswerte Umstände vergönnt sind wie eben hier. Wir hätten allen Anlass, ein Europa der Lust zu zelebrieren mit der Hymnenüberzeile: Variatio delectat!

Aber nein. Ist alles ganz anders. Die Fernsehanstalten picken selbst den dümmsten Show-Modellen noch ein nationales Mascherl auf, statt über europaweit wirksame Unterhaltungsprogramme nachzudenken, wie es sie in den siebziger Jahren bereits gab. Die EU – nicht zu verwechseln mit Europa! – erscheint ihren Bürgern als mausgrauer Koloss, mit Standort Brüssel längst in ein geographisches Randgebiet gerückt. Eine Bürokratenbastion, die fernab lokaler Realitäten Verordnungen und Gesetze diktiert, Gurken gerade biegt, seltsame Begriffe wie Schengengrenze oder Maastrichtabkommen prägt, deren Relevanz sich dem Einzelnen nicht erschließt. Die über die Einbindung Ankaras debattiert und Zagreb an der langen Bank warten lässt. Deren Gelder man sich in einem komplizierten Förderungsdschungel erschleichen muss. In der, so vermutete Hans Magnus Enzensberger jüngst, Lobbyisten, die in Brüssel tätig sind, mehr Einfluss haben als alle Abgeordneten. Auch wenn man dies nicht beweisen könne. Nein, die EU ist nicht sexy, nicht einmal sympathisch.

Wann immer eine europäische Regierung ihre Bürger dieser Tage in EU-Belangen etwas abfragt, sinken Beteiligung und Zustimmung kontinuierlich. Das ist nicht verwunderlich. Dieses Polit-Konstrukt hat ein enormes Öffentlichkeitsproblem. Allein die medial häufig gebrauchten Wendungen „Brüssel sagt dazu…“ oder „Brüssel hat abgelehnt….“ kommen  vielerorts als emotionales Gift an: Was in Dreiteufelsnamen haben uns den diese fernen Bürokraten in einem belgischen Großkaff zu befehlen?!!

Die Antwort ist einfach: Fast alles. Das Europa der Paragraphen ist weitgehend geeint. Und die fernen Bürokraten sind in Wahrheit für jeden auf seine Art Unsrige. Nur teilen sie sich nicht entsprechend mit. Politiker, die von Bundes- auf Europaebene übersiedeln, erhalten daheim unverzüglich das Kainsmal der  Abwesenheit und stehen unter Generalverdacht des Epikuräertums. Sie tun auch herzlich wenig dafür, die angesichts von ein paar Fugstunden lächerliche Vermutung von Ferne aufzulösen. Sie tun nichts, für die Lust an Europa, sie begnügen sich mit dem Schicksal unter dem Kürzel EU ein gut bezahltes Feindbild zu sein.

Das Volk reagiert auf seine Weise: Radikal und blutig, wie weiland auf dem Balkan, an dem die EU ihre politische Gesellenprüfung hätte ablegen können und doch so kläglich versagt hat. In weniger dramatischen Fällen ist Nationalismus halt das Lachgas der Entrechteten. Was Wohlmeinende als Europa der Regionen propagieren, was als Ventilfunktion gedacht war, hat nicht funktioniert. Eher ist es eskaliert, die Zustände in Belgien würde man eher in einem Schwellenland als inmitten der Europäischen Union  erwarten. Es ist schon erstaunlich, welche Wut erkannte Ähnlichkeit auslösen kann.

Die Neuerfindung des Fremden ist überall in Europa heftig im Gang. Dass dies auch hier, im ehemaligen Zentrum einer multinationalen Monarchie nicht anders ist, stimmt traurig. Dabei sind es just die Fremden, denen wir etwas abschauen können: Sie alle haben Lust auf Europa, manche sogar auf die EU. Das haben sie den meisten Bürgern Europas voraus. Und statt sich von dieser Lust anstecken zu lassen, sich von ihr ermutigt zu fühlen, schieben wir die Zuzüglinge hin und her, machen die Gesetze härter, nicht intelligenter und ziehen die Mauer um Europa höher.

Ganz nach dem Motto: Die Hasen bleiben unter sich, nieder mit den Jägern!


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